Das Gute und das Böse

Soweit ich weiß, gibt es das Konzept vom Bösen etwa 6000 Jahre. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte man diese Idee nicht oder man hat sie anderweitig in die Gedankenwelt eingebaut und verwoben. Irgendwann aber, hat jemand definiert, was Böse ist und somit auch das Gute geschaffen – vielleicht war es auch umgedreht. Fakt ist, das Böse existiert nicht in der Natur, man kann es nirgends an irgendwelchen Bäumen hängend finden. Es wächst auch nicht bei Nacht und es pflanzt sich ebenso wenig biologisch fort. Was ist das also, dieses ominöse Böse?

In guter alter christlicher Tradition kenne ich natürlich das Gute. Natürlich sind die Christen die Guten und alle anderen nicht. Besonders gehasst wurden die Juden, bis das spätestens 1945 politisch unkorrekt wurde. Vor den Juden waren diverse Heiden, also alle die, die nicht christlich waren, dachten und sprachen, etwas Böses, was es zu vernichten galt. Oft auch, indem man deren Kultur assimiliert und so die eigene Dominanz präsentiert.

Und dann war und ist da noch Gott und alle seine Vorschriften. Bei manchen leuchtet mir der Sinn dahinter ein, bei anderen nicht. Manche zeugen von einer alten Weisheit, die teilweise auch aus Asien überliefert sind (aktuelles Stichwort: Störgefühle), andere von bloßer Vernunft und sind meiner Meinung nach reine Willkür. Halte ich mich an die Regeln, egal wie Sinnvoll ich sie halte, bin ich gut. Breche ich sie, bin ich böse. So einfach ist das in alten, weißen und europäischen Traditionen: Gehorsam = Gut.

Das setzt sich bis in die Neuzeit fort. Jede Bewegung hat ihre Ideale und Moral. Wer sich dieser gehorsam fügt, ist gut. Wer fragt und fordert, der ist Böse. Allein, dass ich die Frauen im letzten Satz ausgeklammert hätte, bringt manche Menschen auf die Palme und würden mich als böse einschätzen. Nach der Tradition christlichen Tradition zumindest. Rebellion ist nicht erwünscht, außer, sie dient der guten Sache. Ein Putsch im Iran, super. Ein Krieg in Syrien auch, die Hamas gegen die Israelis unterstützen ebenso. Ist doch alles für die (gute) Sache.

Das Paradoxe an diesem Konzept ist, dass, egal wen man fragt, er sich immer für das Gute einsetzt. Kreuzritter, die Wokebewegung, Nazis, Putin und Ökos – zu letzteren zähle ich mich – alle würden stets behaupten, sie würden für das Gute kämpfen und sich gegen böse Kräfte zur Wehr setzen. Ich kenne niemanden, der sagt, er würde für das Böse gegen das Gute kämpfen, mit dem Ziel, die Welt in den Abgrund zu stürzen. Das dies einer der Guten am Ende vielleicht doch schafft, mag sein, vorsätzlich aber sicher nicht. Die Idee, der Mensch sei Böse, dient lediglich der Idee einen Staat anstelle von Gott zu setzen. Sie ist in der Realität nicht zu finden. Niemand tut böses des Bösens willen. Alles hat eine Ursache.

Damals und Morgen

Man hat uns das Konzept Jahrtausende in die Köpfe gehämmert, so dass selbst die, die sich gegen alte Dogmen zur Wehr setzen, nicht bemerken selbst ein solches zu leben und zu verbreiten oder – was schlimmer wäre – es bewusst weitertragen. Wir haben die Idee von Gut und Böse derart verinnerlicht das selbst unsere Systeme sie brauchen. Es ist die Grundlage aller westlichen Ideen, einschließlich Nationalismus, Sozialismus, Kapitalismus, Marxismus, Liberalismus… ja alle Ismen brauchen ein Konzept von etwas Bösem um sich selbst und ihre Existenz zu Begründen. Gäbe es die Anderen, die etwas falsches tun, nicht, gäbe es keinen Grund für neue Ideale.

In den vielen Jahren hat das Gute und das Böse einiges mitgemacht. Heute unterscheiden wir deshalb weniger in Gut und Böse, heute unterscheiden wir in Rechts und Links. Als ob eine Namensänderung den Charakter des Konzepts ändern würde. Mit neuen Begriffen geht es also weiter. Sie triggern besser als die alten Begriffe aus unserer Kindheit, die wir womöglich noch hinterfragen! Wie böse von den Menschen einfach ohne Erlaubnis selbst zu denken!

Ein anderes Beispiel, wie man mit dem Bösen arbeitet ist, in dem man die Menschen einteilt, wie es der Objektivismus tut. So kann man von Arbeitern, Bauern und Akademikern sprechen und dementsprechend einen Klassenkampf heraufbeschwören. Es ist eine moderne Form von Rassismus, in dem man die Menschen eben nach willkürlichen Kriterien einteilt. Willkür ist immer dann im Spiel, wenn es mehrere Theorien gibt, die jede für sich eine eigene Einteilung des selben Objekts vornehmen und diese Einteilungen sich widersprechen – obwohl sie empirisch belegbar sind. Das Einteilen an sich mag keinen Bösen Hintergrund haben, kann aber für solche Zwecke genutzt werden. Durch diese pauschalen Kategorien und Klassen entstehen Gräben, die von Gegnern dieser, als auch von den Initiatoren selbst, aktiv zur Diffamierung genutzt werden. Ob das nun eine sprachliche Diffamierung ist, indem man aus einer Klassenbezeichnung eine Beleidigung macht, oder aktiv, indem man Freiheiten oder Eigentum stiehlt. Die Gleichheit der Menschen ist in diesem Konzept fehlt am Platz.

Wir reden von Informellen Systemen, also Systemen, die wir durch bloße Vernunft uns erdenken. Somit reden wir von sprachlichen Systemen, die sich rein sprachlich Bedeutung verschaffen indem sie Vergleichen und Abgrenzen. Das ist dann die Demarkationslinie aller Idealisten, mit Hilfe derer sie sich von anderen unterscheiden, von jenen, die die eigene Idee am Leben erhalten und jene, die anderen Ideen verfolgen. Hier entsteht Gut und Böse, hier steht man Rechts oder Links der Linie. Respekt ist unerwünscht, es könnte die „falsche“ Idee gewinnen.

Dogmatik und Verblendung

Wir müssen feststellen, dass das Gute und das Böse nur in unseren Köpfen existiert. Es ist ein Konzept von Menschen für Menschen um sich von Menschen abzugrenzen. Es ist ein Herrschaftsinstrument.

Es gibt Menschen, die sind in einer solchen Kultur aufgewachsen. Sie sind Kinder dieser und müssen erst noch aufgeklärt werden um zu einem mündigen Menschen heranzuwachsen. Solange sie zu diesen kognitiven Fähigkeiten nicht in der Lage sind, kann man ihnen keinen Vorwurf machen.

Andere wiederum, entscheiden sich bewusst für ein solches System. Sie sind nichts weiter als Mitläufer und Fußsoldaten, die, vielleicht und nur wenn sie der Sache auch wirklich dienten oder dienen, ein Ross besteigen dürfen. Sie mögen es einfach und bequem, selbst im Denken. Wenn man nur zwei Dinge unterscheiden muss, also Gut und Böse, egal ob politisch, ethisch, moralisch, wissenschaftlich, usw., dann fühlen sie sich wohl. Alles andere ist zu komplex und damit Teufelswerk oder wie auch immer man es heute bezeichnet.

Eine Einheit der Dinge an sich kann es in dieser Welt nicht geben. Sie sind von der Ungleichheit geblendet und sehen sie immer und überall. Das sie selbst diese in die Welt tragen können oder wollen sie nicht erkennen. Sie sind vom Licht ihrer Ideale verblendet.


Es ist beschämend und bedrückend zugleich, in einer Welt leben zu müssen, die mehrheitlich über dualistisches Denken einfachster Kategorie nicht hinauskommt. Wie viel Lebenszeit wohl durch die entstandenen binären idealistischen Strukturen schon verschwendet worden ist und auch jetzt verschwendet wird. Wir bauen weiter Grenzen auf und verbreiten dieses Konzept global. Bis dahin wird es Kriege gegen Menschen und Gruppen geben müssen, die sich diesen Ideen widersetzen und ohne Spaltung und in Harmonie leben möchten. Danach, wenn die Ideen sich global verbreitet haben werden würden dingens (?!), dann muss der Krieg gegen Gedanken und deren Verbreitung geführt werden – mit Zensur und Bewegungsunfreiheit zum Beispiel. Hauptsache niemand kommt auf „falsche“ Gedanken, entwickelt eine „gefährliche“ Meinung und gibt die auch noch von sich.

Das Gute des Einen ist das Böse des Anderen. Gewinnen kann nur wer Böses tut und es als Gutes verkaufen kann – wobei das Böse natürlich nur in meinem und Deinem Kopf existiert. Dadurch wird es aber nicht zu etwas Guten, es bleibt was es ist, ein Verbrechen an die Menschlichkeit, der diesen Kulturen für immer anhaftet und – hoffe ich – von jedem normalen Menschen erkennbar sein wird.

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