Das System konditioniert

Die Aussage eines Politikers, dass das System den Politiker konditioniert, finde ich sehr anschaulich. Er bezog sich dabei darauf, wie Interessen durchgesetzt werden und das sich jeder im Apparat an bestimmte Normen hält, die quasi Usus sind und außerhalb derer jedes Programm zum scheitern verurteilt wäre. Vielleicht kann man daraus ein paar interessante Ableitungen machen.

Man muss zwischen zweierlei Arten von Systemen unterscheiden.

Das eine sind die natürlichen Systeme. Also alles das, was physikalischen, chemischen und/oder biologischen Ursprungs ist. Das sind wir Menschen, unsere Umwelt, das Leben an sich, der Planet, Ökosysteme, usw. Analysiert man ein solches System, dann muss man konstatieren, dass ein solches System primär durch seine Bestandteile – und natürlich den angrenzenden Systemen – von innen heraus konditioniert. Wir, als Mensch, können uns in einem solchen System relativ frei bewegen und haben nur wenige Randbedingungen, die eingehalten werden müssen.

Auf der anderen Seite haben wir künstliche Systeme. Also alles unlebendige wie Staat, Gott, Ismen oder auch Maschinen, Technologie an sich und Kultur. Der Mensch in einem solchen System muss sich unterordnen. So lösen Technologien bestimmte Aufgaben auf eine bestimmte Art und Weiße. Ebenso funktioniert der Staat nur so, wie er designt ist. Der Mensch hat in diesem Systemen keinen Spielraum, er muss sich anpassen. Er wird also vom System konditioniert, Dinge auf eine bestimmte Art und weiße zu erledigen oder sein Leben nach bestimmten Vorgaben zu leben. Solche Systeme konditionieren von außen.

Die Welt an sich ist natürlich nicht nur so oder so, sie ist ein Geflecht aus konditionierten und konditionierenden Systemen – im besonderen aus der subjektiven Sicht. Uns wird nicht einfach so ein dritter Arm wachsen, was ziemlich praktisch wäre, und sich aufgrund der natürlichen Selektion durchsetzen würde. Selbst wenn es dazu käme, als Kultur würden wir diesen evolutionären Fortschritt als Krankheit begreifen bzw. es aus modischen Gründen ablehnen. Selbst wenn von Innen etwas käme, könnte es vom Außen negiert werden.

Was uns von Innen konditioniert

Wenn wir in der Innenansicht bleiben, dann haben wir vor allem eines von der Natur mitbekommen – oder hat sich so selektiert: Der Mensch ist ein ängstliches Wesen. Angst hat den Vorteil, dass wir weniger Risiko eingehen und vor allem in der freien Natur eher überleben als solche Wesen, die mehr Risiko eingehen. Der Vorteil von mehr Risiko ist in der Regel ein schnellerer und höherer Ertrag. Bei der Befriedigung von Bedürfnissen mag das super sein, für das Leben ist, gerade in der Freiheit, ist Risiko weniger erträglich. Die Angst schützt uns vor äußeren Umständen – wenn sie nicht gerade perfide, und damit wir Menschen, missbraucht werden.

Uns konditioniert auch, was wir für Bedürfnisse haben. Das Bedürfnis überhaupt zu leben mag wohl das stärkste sein. Fehlt es uns an Nahrung und in unseren Breiten an Wärme, laufen wir Gefahr zu sterben. Auch Krankheiten, wie medial jetzt den meisten eingeimpft wurde, können zum Tod führen. Das Bedürfnis zu überleben macht aus uns alles nur erdenkliche. Aus Angst vor dem Tod, als Lebewesen, als Kultur und selbst der Tod unserer Identität, kann uns sehr aggressiv werden lassen, bis dahin, das wir Kriege anzetteln und morden. Ob nun Menschen mit größtem Hunger, ob Veganer oder Putin, alle diese haben ein Bedürfnis nach Leben, Identität bzw. Kultur.

Aus diesen Bedürfnissen heraus, formen wir uns selbst. Wir kleiden uns in gewisser Weiße, folgen bestimmten Influencern, lesen bestimmte Autoren. Und wir formen, so weit es möglich ist, unsere Umwelt, indem wir uns bestimmte Kleidung kaufen mit der wir uns für andere Sichtbar dekorieren, wir besuchen bevorzugt die Orte, die uns in unserer Kultur und Identität bestätigen, und umgeben uns mit eben jenen Gleichgesinnten. Wir formen unsere Bubble und legen den Tellerrand selbst fest, über den wir nicht hinaus blicken wollen.

Was uns von außen konditioniert

Aber auch ganz objektiv muss man sagen, dass zumindest das Leben immer durch äußere Umstände geprägt ist. Jedes Lebewesen, vom Käfer bis zum Baum, ist das Resultat seiner Umwelt, welches durch sie konditioniert wurde zu sein wie es für uns heute erscheint. Ich bin der Idee nicht abgeneigt, dass das Leben selbst, also von innen heraus sich entwickeln kann, aber eben nur so schwach und langsam, das primär die Umstände es formt.

Der Mensch in Europa hat vor allem eines hervorgebracht: Machtpolitik. Vielleicht gab es das auch anderswo, als Europäer habe ich aber den Eindruck, dass wir unsere und diese Kultur global verbreitet haben. Wir sind die ersten Kulturimperialisten. Ein Instrument unserer Kultur bei der Etablierung dieser ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Mittel sind unterschiedlichen und werden „humaner“. Früher war es Folter und Mord, heute sind es Sanktionen, Ausgrenzung und Beleidigung. Vom physischen Terror sind wir zum psychischen Terror gewechselt. Für den Menschen als ganzes macht das keinen Unterschied. Sie können die Opfer von Stalkern oder Sekten fragen, wie „human“ das gewesen sei. Das uns umgebende System ist bestenfalls vom psychopathischen System zum narzisstischen System fortgeschritten, es bleibt aber gestört. Und es wirkt auf uns… So sind wir auch ein Produkt unserer Kultur, die uns umgibt von der man uns befreien wollte. Einige wollen das heute noch und arbeiten mit gleichen Mustern, was zeigt, dass uns das System konditioniert.

Ein anderes Kennzeichen unserer Kultur ist die Technologie. Ich liebe Technologie, wenn sie nur nicht so ressourcenhungrig wäre und bis in unsere Lebensgrundlage eindringen würde. Das wir uns auf diesem Weg hier austauschen können, ist super. Die Erde am Bildschirm zu erforschen ist auch klasse. Die vielen Menschen und die vielen Ideen, ihre Interessen und Erkenntnisse sich ansehen und anhören zu können ist genial. Da ist es nicht verwunderlich, dass meine bevorzugte Musik seit Jahrzehnten elektronisch ist – eigentlich mal Analog, inzwischen (leider) digital. Vielleicht kann man an dieser Entwicklung in der Musik verdeutlichen, was Technologie bedeutet.

Der Wandel ist permanent. Einige Enthusiasten in der Welt der Musik schwören auf analoge Technik. So sei der Klang besser, wenn man keine digitalen Komponenten in der Musikanlage verbaut, und ich behaupte, dass der Klang eines analogen Synthesizers in seinem vollen Spektrum anders wirkt, als der eines digitalen. Nur, wer das nicht erlebt hat, der kann das nicht beurteilen. Aufgrund der Entwicklung, mag sie nun monetär oder ideell getrieben sein, gibt es einfach immer mehr digitale Geräte. Kaum jemand kennt noch den Klang solcher puristischen Anlagen, und noch weniger solche, bei denen von der Aufnahme bis zu Wiedergabe kein einziges mal der Klang digitalisiert wurde. Das heißt, die meisten Menschen, und da schließe ich mich ein, können nicht beurteilen, wie sich die Musik verändert hat. Da hilft es auch nichts, mir Schallplatten im Club der Crowd entgegenzuwedeln, wenn sowohl die Musik darauf, als auch die Anlage dahinter digital ist.

Die Technologie bringt uns nicht Nachteile. Wir können noch immer Musik hören. Aber sie entfernt uns in so fern von den Wurzeln, als das wir ohne sie nicht mehr in den Genuss der selben kommen können. Noch geht das, aber wie sieht es in 100 Jahren aus? Wie sehen Konzerte dann aus? Technologie ist also Fluch und Segen zugleich. Sie ist Segen, solange sie da ist und zur Verfügung steht und deshalb auch Fluch, weil sie uns die Konzepte unkenntlich und vergessen macht, welche Ursprünglich zur Befriedigung des jeweiligen Bedürfnis notwendig waren. So wie der Mensch jetzt ist, so wie seine Kultur ist, ist er und sie das Ergebnis der technologischen Systeme seiner Umwelt. Sie hat uns zu dem geformt was wir als Kollektiv sind. Mit Blick auf die Technologie muss man sagen, sind wir zudem in einer Welt ohne diese, nicht mehr überlebensfähig.


Um auf den Eingang zurückzukommen: Der Mann hat recht und offenbar bin nicht nur ich damit einverstanden, dass es das System ist, dass uns formt. Das wir das Produkt der Umwelt sind, ist im Grunde nichts neues. Bereits alte Weisheiten kennen dieses Phänomen und, wie oft üblich, sind sie mit der CRT jetzt nur auch der anderen Seite der Medaille zugänglich.

Im besonderen ging es Eingangs um die Politik. So kann es im heutigen System Partiarchinnen geben, bei denen vom weiblichen Charakter nicht mehr viel übrig ist. Vielleicht kann da die Gender Studies, also das Untersuchen von männlichen und weiblichen Prinzipien, uns weiter Klarheit geben.

Um auf den Punkt zu kommen: Es ist altbekannt und wieder Top aktuell. Auch wenn wir bestrebt sind, unsere Umwelt zu formen, formt unsere Umwelt uns. Solange wir Systeme anwenden, die uns in unserem denken und handeln beeinflussen, so lange werden wir keine freien Entscheidungen treffen können.

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