Existenz

In meiner Philosophie ist nur das wirklich, was wirkt, sprich, nur das System, das Wirkung auf andere Systeme hat. Damit ist objektiv beschrieben, ob etwas ist oder nicht. Einige verwenden hier das Wort Existenz, möchte ich aber nicht. Existenz ist nach meiner Ansicht etwas subjektives, bzw. hat seinen Ursprung im Subjekt, während die Wirklichkeit etwas objektives ist. Existenz entsteht dann, wenn ein System autopoietisch wird und die Fähigkeit erwirbt, ohne fremde Hilfe zu überleben.

Formelle Systeme

Am einfachsten ist es am Beispiel Mensch zu erklären, was Existenz bedeutet. Ich gehe davon aus, dass der Mensch ein friedliches Wesen ist. Es besitzt alle Anlagen, um Entscheidungen zu fällen, die für ihn, für seine Mitmenschen und seiner Umwelt dienlich ist. Äußere Einflüsse sind es, die ihn wild werden lassen. Staaten und Ideen sind nicht die Lösung, sie sind das Problem und stehen der Entwicklung der Menschen im Weg.

Was den Mensch zu der wilden Bestie werden lässt, für die ihn manche halten, sind äußere Einflüsse, die seine Existenz gefährden. Die erste und wichtigste Existenz ist die des Überlebens. In der Vergangenheit waren es zum Beispiel Hungersnöte, die ihn zu Raubzügen und Kannibalismus haben neigen lassen. Manche erklären den Beginn des Patriarchats, mit großen Katastrophen in unserer Geschichte, in der wir aus Nahrungsmangel übereinander hergefallen wären. Fakt ist, in schwerster Not würden wir töten um zu überleben, also um unsere Existenz zu sichern.

Ich denke auch, dass wir bei den kleinsten Teilchen Existenz erkennen können. Denn auch diese Systeme lassen sich nicht ohne weiteres Verändern. Unabhängig davon, ob und wie sie wirken, existieren sie und sind so beschaffen, dass sie im Idealfall sich nur marginal verändern lassen. Trotzdem bleiben für mich Fragen. Gilt es also immer, dass eine Gefährdung der Existenz widerstand erzeugt, oder gilt das nur für Dinge mit Bewusstsein? Sind Dinge, die ohne widerstand verändert oder entfernt werden können, nicht existent?

Informelle Systeme

Abgesehen von dieser rein formellen Form gibt es auch informelle Formen, die wir, als Mensch, zu unserem ich zählen und eigentlich unsere Identität sind. Dazu zählen kulturell erworbene Dinge wie unsere Ideen, Überzeugungen, Religionen. Ein schönes Beispiel ist auch die Debatte um das Geschlecht. Alle diese identitätsstiftende Dinge, die keinen materiellen Ursprung haben und nur in unserem Kopf existieren, können, in einer Form der erweiterten Lieblichkeit, existentiell werden. Mit dieser Existentialität ist auch der Grundstein für die Gewalt gelegt, die wir Menschen an den Tag legen, wenn es um die Verteidigung und Ausdehnung dieser Konstruktionen geht. Wären es bloße Ideen, die nicht Teil unserer Identität wären, würden wir sie ganz normal diskutieren. Tun manche aber nicht.

Um eine Ideologie zu etablieren braucht es Menschen die Angst haben. Nur wer Angst um sich hat, wird alles tun um die Gefahr, die man als Auslöser für die Angst erzählt, entgegenzutreten. Ein Mensch, der in diesem Zusammenhang schlimmer Dinge getan hat, der wird respektive möglicherweise nicht verstehen, wie es dazu kommen konnte. Ihm dann einzureden, dass das natürlich sei und er sich auf seine Religion oder dergleichen verlassen solle, die ihn zähmen würde, ist sicherlich machbar. Selbst gebildete Menschen sind derart leicht zu manipulieren. Wenn sie sich einer Sache verschrieben haben, muss nur deutlich werden, dass den Weg, den man geht oder gegangen ist, auch von anderen genutzt werden kann, und sodann die Meinungshoheit der eigenen Ideologie gefährdet. Zack,.. Existenzangst.


Hormone und Gefühle, die dann und wann die Sinne vernebeln, sind unsere Natur, dass ist richtig und oft auch schön. Sie entstehen aber bei Ideen durch uns selbst. Wir bauen diese informellen Systeme so, dass sie mit Angst und Panik verknüpft sind. Lehnen wir solche Systeme ab, wären wir nicht ständig von irgendeiner Angst getrieben und würden weniger radikalere Parteien wählen. So aber geht es immer weiter, bis wir irgendwann, wie die Menschen im Iran, aus Angst und Verzweiflung, uns wieder hinter religiöse Fanatiker stellen, die vor Gewalt an sich nicht zurückschrecken. Das alles nur, weil wir uns in unserer Identität so wohl fühlen und eine kognitive Dissonanz nicht aushalten können, die unser Weltbild und vielleicht unser Konzept vom Ich in Frage stellt. Unsere Existenz zu verteidigen ist ein rein egoistische Motiv, welches besonders bei Idealen nur absurd ist. Und hier sprechen wir nicht nur für den individuellen Egoismus, sondern auch über einen Kollektiven! Aus diesem Gefängnis sollten und müssen wir uns befreien.

Etwas anderes ist die formelle Existenz, wenn es also um Leib und Leben geht. Egal, ob Hunger uns treibt, oder eine einfallende Horden uns tatsächlich bedrohen, wir wollen leben. Vielleicht ist auch hier der Grund, weshalb wir eigentlich Gemeinschaften bilden. Wenn jeder etwas kann und nicht jeder alles können muss, und dieses können einsetzen, um unsere leibliche Existenz zu sichern, erhöhen wir unsere Überlebenschancen. Andere Strategien, wie die heute, dass jeder sich selbst versorgen muss, enden früher oder später in Hamsterkäufen oder, im extrem, in Gewalt. Echte Solidarität ist es hingegen dann, wenn wir zusammen und um unsere Existenz kümmern und somit allen und jeden ein sicheres Netz bieten. Und dieses Netz, dass unser Überleben als Mensch sichert, ist legitim und notwendig, wenn der Mensch sein Potential entfalten soll.

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