Identität und Liberalismus

Eine kontroverses Thema, und natürlich habe ich meine eigene Meinung. Ich will jetzt keine Kritik üben sondern versuchen, diese herzuleiten und zu beleuchten. Das meiste ist so oder so ähnlich schon beschrieben worden, also nicht unbedingt beeindrucken lassen 🙂

Es gibt zwei Arten von Identität die von der Natur des Charakter herrührt. Es ist auch unsere Natur, beide Arten für uns zu nutzen, wir unterscheiden uns lediglich in der Laufrichtung oder Hierarchie.

Die eine Art ist, sich selbst als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. Ich bin Bayer, ich bin Deutscher, ich bin Kölner, usw. Die Gemeinschaft ist die Kultur, in der wir sozialisiert werden, etwas transzendentes, in der wir Riten und Bräuche unbewusst und im guten vertrauen annehmen und, wenn ich es verantworten kann oder erhalten will, tradiere.

Die andere Art ist, sich als Individuum zu sehen. Ich bin Ingenieur, ich bin Bäcker, usw. Ich übernehme hier bewusst die Kultur, die Riten und Bräuche. Ich bin nicht weiter in der Pflicht oder Verantwortung, die Tradition wird durch die Freiwilligkeit Institutionalisiert oder ist sogar deshalb darauf angewiesen.

Natürlich sind wir nicht nur auf der einen oder anderen Seite zu finden. Wie Homoökonomikus verwenden wir selbstverständlich beide Arten, womit sich die Identität eines Menschen immer kooperativ, aus beiden Arten zu sehen ist.

Wir verwenden diese Arten aber nicht gleichwertig. Wir haben einen primären Charakter, eine primäre Identität. Aus ihr ergibt sich, wie wir denken und handeln. Die andere ist unser Backup auf welches wir uns berufen, wenn berechtigte Kritik auftaucht.

Die Stabilität der Identität ist abhängig von der Validität der Kultur oder der Gemeinschaft. Validität meint, das vorhandene Konzepte, Kontexte, Bedeutungen nachvollziehbar und funktionstüchtig sind. Ist dem nicht so, kann das Konstrukt durch Diskussion und Kritik in Zweifel gezogen werden.

Die stabilsten Konstrukte sind die mit langer und gelebter Tradition – wobei ich Tradition damit umreiße, dass wir nur sinnvolles an unsere Kinder weitergeben und jeden Brauch fallen lassen, wenn er nicht mehr gebraucht wird oder uns Schäden zufügte. Es ist das, was im Liberalismus die Vernunft übernimmt.

Sich auf eine solche Kultur berufen zu können wird bei Angriffen auf die Identität recht gut argumentieren können. So sind die am wenigsten anfälligen, die die auch mehrere tausend Jahre alt (Judentum zB.) sind, während junge Kulturen sich an diesen schnell aufreiben (Deutschtum zB.) 😉

Weniger stabil sind Konstrukte, deren Idee – wie gezeigt – relativ jung oder synthetischer Natur ist. Bei einem Angriff besteht die Gefahr, die Grundlagen seiner Identität zu verlieren. Insbesondere dann, wenn die Identität auf einem Konstrukt beruht, das „wie Rasierklinge auf Rasierklinge“ steht.

Wissenschaftler können beim Verlust der wissenschaftlichen Grundlage so ihre Identität verlieren. Die Diskussionen werden entsprechend hart geführt. Wer mit dem Rücken zur Wand, bzw. vor dem nichts steht, der wird kämpfen.

Die Gewichtung der beiden Varianten hängt von Charakter des einzelnen ab. Kombensative Charaktere (mein Systemcharakter bedarf ein Update *g) werden eher zur Kombination „erst Ich, dann Wir“ neigen, katalysatorische zu „erst wir, dann Ich“. Dieser scheinbare Gegensatz löst sich mit dem Ergebnis, der Funktion der Identität und seines Charakters.

Katalysatoren möchten selbst stabil bleiben. Sie vereint die Gleichheit des Individuums, des Katalysators. Dies bedarf ausreichend Kenntnis vom Mitmenschen, womit das Wir stets präsent ist. Eigentum verpflichtet ist ein Spruch aus diesen Kreisen, oder auch die Tatsache, dass das individuelle Recht da endet ist, wo das Recht anderer beginnt. Ihnen ist das Wir wichtiger als das Ich. [Update weil deutlicher: „präsenter als das Ich“]

Kompensatoren hingegen halten die Umgebung stabil. Dies bedarf einer Anpassung, Spezialisierung des Individuums. Sie sind deshalb Experten, die ihren Bereich in der Gemeinschaft optimal ausfüllen. Das diese strikte und strenge Aufgabenteilung überlebensnotwendig für die Umwelt, dem Charakter ist, sehen wir in der strengen Kontrolle jedes einzelnen und übernatürliche Rechte wie, missbräuchlich, Vernunftrecht sowie in Protokollen und Prozessen.

Geht es besser? Ja: Naturvölker agieren, matristische im besonderen, nach dem Konsensprinzip. Wenn man die Menschen befragt, stellt sich heraus, das jeder, auch der, der nicht an der Diskussion beteiligt ist, zwar keinen Prozess kennt, aber trotzdem sicher sind das a) jemand anwesend ist, der seine Gruppe vertritt, als auch b) jemand, der seine persönlichen Interessen vertritt. Sie vertrauen auf die oben herausgearbeitete Gruppen- und der Individalidendität, sie akzeptieren beide und trennen ihr Kollektiv nicht anhand dieser Identitäten. Es ist unsere Natur kooperativ zu sein.

Und was ist daran jetzt liberal? Die Kultur, Wir wichtiger zu nehmen als Ich. Das selbst ist noch nicht Liberalismus. Das wird es erst, wenn wir ihren Ursprung berücksichtigen, die Vernunft. Das sich befreien aus Zwängen, aus Herrschaft und Gewalt. Mit Mut als einzelner und Vernunft als Gemeinschaft, immer dessen bewusst, dass wir in Wahrheit unvernünftig sein können und der Möglichkeit, diese falsche Vernunft zu entfernen, ohne die Identität zu verlieren.

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