Konservatismus

Wir müssen mal über Konservatismus sprechen. Er wird in der Moderne belächelt. Dabei vergisst man, dass Konservatismus nicht das weitergeben der Asche ist, sondern der Erhalt des Feuers – sagte mal wer… Zu kritisieren ist natürlich der dogmatische Konservative, der an seiner Ideenwelt festhält, obwohl sie bereits überholt ist. Der selbst erklärte Feind der Konservativen, die Progressiven, hingegen treten alles nieder, nicht nur die Asche sondern auch die Pflänzchen, die es zu erhalten gelohnt hätte. Die fressen ihre eigene Kinder. Es ist also nicht immer alles so eindimensional, wie es für den unmündigen Menschen aufbereitet und medial verbreitet wird. Was also unterscheidet nun einen nützlichen von einem schädlichen Konservatismus und woher kommt er eigentlich? Man könnte sich auf zwei Wegen der Sache nähern und werden sehen, dass alle auf ihre Art konservativ sind.

Kollektiver Konservatismus

Das, was wir heute als Konservatismus verstehen, könnte ein kollektiver Konservatismus sein. Dieser Konservatismus klammert sich an Institutionen, an Positionen, an Titeln, usw. Also vor allem informelle Systeme, die zu einem bestimmten Zweck erhalten werden sollen – meistens, weil sie ihnen Macht oder Reichtum bescheren, vielleicht aber auch, um diversen Existenzängsten entgegenzuwirken.

Der aktive Konservatismus

Diese Art des Konservatismus betrifft auf der einen Seite alte Institutionen und Philosophien oder verschiedene Weltanschauungen, wenn man sie aktiv verteidigt, selbst wenn sie bereits widerlegt oder überholt sind. Aktive Konservative sind vor allem Dogmatiker denen jedes Mittel Recht ist, ihre Idee am Leben zu erhalten. Sie haben Angst um ihre informelle Existenz und neigen zu Wut, Hass und Gewalt. Typische Beispiele sind Materialisten, die in ihren Manifesten zu Gewalt aufrufen, oder Staatsphilosophen, die diese Gewalt sogar institutionalisieren wollen.

Warum? Weil ihre Idee widerlegt ist. Es gibt keine Argumente mehr um ihren Glauben Mitspracherecht in der Philosophie zu geben, bis zu dem Tag, an dem die Existenz Gottes bewiesen wird, dann und nur dann sollte man ihnen wieder mehr Raum geben. Das Wundersame: Sie haben bis heute Raum und zwar sehr viel. Irgendwie scheint in vielen wissenschaftlichen Disziplinen nicht so genau mit der Abgrenzung zum glauben zu nehmen. Ich kann mir das nur mit aktiven Konservatismus erklären.

Das einzige was es bringt, solche Systeme am Leben zu erhalten ist Kapitalismus, als das es zu Wohlstand innerhalb des System kommen wird und es gilt, diesen zu bewahren. Egal ob dieses System eine Nation, ein Kontinent, eine Religion, eine Kultur oder sonst ein Kollektiv ist, sobald sie diese sich abschottet und ihre Idee durch Institutionen realisiert, entsteht Kapitalismus. Und das man den Wohlstand gerne konserviert ist klar, selbst unsere Politökos möchten nicht darauf verzichten und immer weiter und weiter gehen, obwohl wir uns offensichtlich ökologisch und ökonomisch in einer Sackgasse befinden.

Wir halten fest: Wenn wir an veralteten und widerlegten Ideen festhalten, dann tun wir dies aktiv und weil wir es wollen. Wir tun wissentlich falsches und geben die angestaute Wut und den Ärger weiter, in die nächste Generation an Konservativen. Dieses dogmatische Verhalten, einfach der Sache wegen an ihr festzuhalten, führt zum Erzkonservatismus den wir vielleicht anfangs sogar bekämpft haben wollen.

Der passive Konservatismus

Nun wissen wir aber, dass uns die Systeme mit Beginn unseres Lebens versuchen zu prägen. Egal ob die nun künstlich am Leben erhalten werden, wie im aktiven Konservatismus, oder eben aus Mangel an Alternativen oder Wahrheiten. Wir leben in einem solchen System und verinnerlichen es.

Marx hat das erkannt. Er hat gesehen, dass es jede Menge an Ideologie da draußen gibt, in der wir aufwachsen. Wenn wir nicht aufwachen und unser Leben selbst in die Hand nehmen, werden wir innerhalb dieser existierenden und meist konservativen Gedankengebäuden stecken bleiben. Selbst Marx war davon nicht gefeilt. Denn statt das Problem, welches er erkannt hatte, anzugehen, übernimmt er das Problem in Form der Hypermoral der Christen. Diesen Fehler zu begehen ist ein passiver Konservatismus. Es gelingt uns nicht, eine Lösung zu finden, selbst wenn das Problem bekannt ist. Wenn wir kollektiv kapitulieren, dann kann man vom passiven Konservatismus sprechen.

Aus diesem passiven Konservatismus können wir durch Aufklärung entkommen, in dem jeder für sich entscheiden kann, welchen Weg er geht. Manche mögen trotz (oder wegen der) Aufklärung an alten Dingen aktiv festhalten, die meisten aber wären die Blumenwiese an neuen Ideen und Konzepten, mit denen wir Veraltetes überwinden könnten.

Kognitiver Konservatismus

Allerdings glaube ich auch, dass auch unsere Natur zum Konservatismus beiträgt. Hier geht es darum, dass unser Gehirn an Elastizität verliert. Elastizität bedeutet, dass es uns immer schwerer fällt neue Dinge zu erlernen, wie ein Akku, der mit dem Alter zu schwächeln beginnt. Normal. In so fern müsste man davor wenig Angst haben, es sei denn, diese Menschen sind in verantwortlichen Positionen, wie zum Beispiel in der Nachkriegszeit oder zum Beginn der neuen Normalität.

Der Mensch ist in der Lage, hochgradig elastisch bis ins hohe alter zu bleiben, wenn er die Elastizität nur trainiert. Er verliert sie dann, wenn er sich zu lange mit den immer gleichen Dingen beschäftigt. Sowohl der Arbeiter an einem Fließband, als auch der Philosoph einer Dogmatik wird früher oder später vergreisen, sobald es nur noch um den Erhalt geht.

Die Konservationsstrategie

Eine Möglichkeit, mit den schwindenden kognitiven Fähigkeit ist, in einer Haltung zu erstarren. Das heißt, der letzten Zustand der Dinge zu behalten und daran festzuhalten, egal wie es um die Dinge steht. Es geht nicht mehr um Weiterentwicklung der Idee, die uns mit jedem Jahr mehr Energie kosten würde, sondern den Erhalt eines Zustands, der es uns erlaubt, mit weniger Denkleistung und Elastizität auszukommen.

Wenn wir die Idee als Pflänzchen sehen, wird diese Pflanze weitergegeben und zukünftige Generationen können daraus lernen. Diese Menschen sind in der Lage, viele Erfahrungswerte zu vermitteln, sie sind quasi die Grundlage empirischer Wissenschaften, die wir heute nicht als Wissenschaft anerkennen, vielleicht weil sie aus dem konservativen Umfeld kommen.

Die Strategie hat aber auch einen entscheidenden Nachteil. Denn der Konservatist gibt nicht nur lebende sondern auch tote Pflänzchen weiter. Er reitet das tote Pferd und wird jede menge Aber-Sätze finden, die besagen, dass alles besser wird, würde man es nur nochmal und richtig machen. Er ist resistent gegenüber neuen Erkenntnissen, vergleichbar wie jene, die wider besseren Wissens aktiv an ihrem Glauben festhalten.

Die Egalitärstrategie

Es gibt im übrigen noch eine weitere Möglichkeit, mit der schwindenden Elastizität umzugehen, dem Egalitarismus. Diese Menschen sind sich ihrer Lage vielleicht bewusst und machen Platz für kommende Generationen. Es ist quasi die progressive Antwort auf die bereits erwähnte Strategie. Soweit, so gut.

Aber: Egalitäre Menschen kapitulieren vor immer neuen Dingen, die sie nicht mehr verarbeiten können und wollen. Sie geben die Zukunft einer neuen Philosophie preis, egal ob diese gut oder schlecht wird – deshalb bezeichne ich es als Kapitulation. Egalitäre Menschen sind unter anderem der Grund, weshalb totalitäre Regime entstehen können, denn nach ihnen kann die Sintflut kommen, ihnen interessiert es einfach nicht, was aus ihren Ideen, Idealen, Zielen und Kindern wird. Vielleicht sind sie sich einfach Siegessicher und wären im anderen Fall eher der Typ Dogmatiker?

Fazit

Ich denke, den aktiven Konservatismus bereits toter Systeme kann, darf und muss man kritisieren. Sich der Welt wissentlich und sehenden Auges zu verschließen ist das eine, andere damit anzustecken was ganz anderes!

Die Kapitulationsstrategie, egal ob individuell oder kollektiv, ist nachvollziehbar. Wer dies aber tut, sollte und muss weiterhin eine Zecke am Arsch des Systems bleiben. Man darf nicht das Signal senden, dass man alles mittragen oder die Augen verschließen würde. Die Vordenker in diesen Systemen müssen sich bewusst sein, dass sie liefern müssen. Dann, ist passiver oder egalitärer Konservatismus in Ordnung.

Hingegen sind wir nicht davor gefreit, zu vergreisen. Doch, vielleicht können wir etwas dagegen tun, aber am Ende gewinnt immer unsere Natur. Auch auf dieser Erkenntnis sollte man sich nicht ausruhen sondern noch während seiner aktiven Zeit sich die Ideen aussuchen, die man erhalten sollte und will. Diese massenhafte Selektion wird dazu führen, dass die wirklich guten Ideen noch lange bestand haben und sich vielleicht weiterentwickeln können. Bis eben niemand mehr dies tun will und nur noch Dogmatik die Rettung wäre.

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